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Krise 2.0

Wir haben eine Weltwirtschaftskrise. Die schlimmste seit [beliebige andere Krise einsetzten, die lange genug her ist, sodass sich kaum noch jemand richtig daran erinnern kann].

Mal ehrlich – ich denke, diese Krise ist wie noch keine andere von Medien bestimmt gewesen: Jedermann kann seinen Meinung in den Foren der Nachrichtensender oder Anne Will abgeben und wird dann zur Primetime zitiert, alle Nachrichtensender finden permanent Experten, aus einfachen Börsenpflichmitteilungen werden Hiobsbotschaften. Kommentare, Anmerkungen, Verweise – willkommen in der Krise 2.0

Wie das Web 2.0 lebt auch diese Krise vom Mitmachen. Jeder darf sich äußern (sogar ich ;-)), jeder darf schwarzmalen, und gewaltige Mengen an Meinungen bombardiert aus allen Schächten der Nachrichtensender die Menschheit.

Auffällig ist die Auswahl der Äußerungen – oder hat schon mal jemand bei Nordex nachgefragt? Die haben 2008 so viele Windturbinen wie noch nie verkauft. Die Auftragsbücher sind prall gefüllt. Keine Kurzarbeit. Dort werden sogar Leute gesucht.

Liebe Börsianer: Wisst ihr noch, was das Wort „eingepreist“ bedeutet? Damit habt ihr grundlose Kursgewinne begründet: Wenn ein Unternehmen exzellente Geschäftszahlen vorgelegt hat, stieg der Kurs nicht mehr. Das mit den exzellenten Geschäftszahlen wusste der kluge Börsianer schon vorher, die waren daher schon eingepreist. So ist es doch auch mit den Hiobsbotschaften – ihr wisst doch schon heute, wie es den Banken und der Wirtschaft wirklich geht. Daher ist das schon längst eingepreist. Wieso reagiert ihr so hysterisch, wenn eine Firma irgendwelche Pflichmitteilungen macht? Nur weil Herr Gockel auf N24 seinem Namen alle Ehre macht und die Pflichmitteilung laut verkündet? Geh, bittschön…

Sonntag und Montag ein weiterer Akt: Ford lädt kurzfristig zu einer Pressekonferenz ein. Es seien für die Ford GmbH weitreichende Entscheidungen getroffen worden. Es geht um die Standorte Saarlouis und Köln. Solche Pressekonferenzen macht Ford öfter (immer vor anstehenden Modellwechseln, so jetzt für den Focus Ende 2010), und Ford muss diese vorher ankündigen.

Jetzt schlägt die Krise 2.0 zu: Die Medien zitieren zunächst mal bedrohlich klingende Fakten: Beide Werke haben bereits Kurzarbeit beantragt. Ford hat in den letzten Jahren riesige Verkaufszahleneinbrüche. (Ich vermisse den üblichen Hinweis auf die Produktpolitik, doch lassen wir das…) Die Medien bauschen auf: 8000 Arbeitsplätze in Saarlouis und mindestens genauso viele in Köln sind betroffen (gut, inklusive Zulieferpark). Die Lebensgrundlage von mindestens 64.000 Menschen ist in Gefahr (Mathematischer Einwand: 64.000 Menschen bedeutet, dass alle 16.000-Ford- und Zulieferer-Mitarbeiter alleinverdienende Familienmenschen mit zwei erwerbslosen Kindern sind). Warum hat niemand herausgefunden, dass Ford systemwichtig ist?

Das Ford-Werk in Köln hatte übrigens wegen der Absatzzahlen des Modells Fiesta den Kurzarbeitantrag zurückgezogen. Dort wird normal weitergearbeitet. Die Verkaufszahlen von Ford in Europa sind normal, in Deutschland haben die Modelle z.T. lange Lieferfristen.

Nun der Schock für die Presse: Ford hat keine Hiobsbotschaft. Keine Werksschließungen. Ford stärkt die beiden Standorte – statt zweier Nieschenmodelle werden in Saarlouis zukünftig alle Varianten des Volumenmodells Focus gebaut. Lohnerhöhungen werden wie geplant gezahlt. Business as usual.

Die Tagesthemen winken ab, kein Thema für einen Beitrag von mehr als 20 Sekunden. Hans Hermann Gockel erwähnt es auch nicht als Top-Thema. Die lokale Presse spricht schon mal von „Umstrukturierungen“ – das Wort hat wenigstens einen negativen Beigeschmack. Hey, eine weitere Chance für positive Berichterstattung vertan.
Statt dessen verfolgt man lieber Herrn zu Guttenberg bei GM. Doch der ist in einer anderen Zeitzone – daher gibt’s erst mal keine Statements. Keine Hiobsbotschaften. Mist.

Es mag ja sein, dass die Weltwirtschaft aktuell nicht wächst. Es mag auch sein, dass wir uns in einer Rezession befinden. Das ist aber ein normaler Teil eines Wirtschaftszyklus. Dass es wünscheswert ist, dass der Staat während einer Rezession investiert und den Konsum ankurbelt, steht auch fest. Nur bitte: Eine Rezession hat auch ein Ende. Es ist klar, dass man dann nicht mehr über die Wirtschaftskrise berichten kann.

Doch Ursache und Wirkung sind meiner Menung nach nicht ganz so klar. Teilweise wird man den Zusammenhang auch  umkehren können. Ich glaube zwar nicht, dass die Krise mediengemacht ist, doch ist ihre Omnipräsenz medienverschuldet. Und die Omnipräsenz führt zu einer Erwartungshaltung, dass es Werksschließungen und Hiobsbotschaften geben muss.

Man kommt erst wieder raus, wenn man auch daran glaubt. Also bitte, nutzen wir die Krise 2.0 mal umgekehrt. Stellen wir positive Entwicklungen in den Fokus. Ford und Nordex waren zwei Beispiele. Es gibt bestimmt noch jede Menge weitere.

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