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Der Mitarbeiter des Monats

Eine große Versicherung war in ihrer Konzernzentrale stolz auf ihre Sicherheitsverfahren. Die Mitarbeiter mussten permanent ihren Mitarbeiterausweis sichtbar mit sich herumtragen. Immer wenn ein Mitarbeiter durch eine verschlossene Tür gehen oder einen Aufzug benutzen wollte, musste er sich mit seinem Benutzerausweis dafür authentifizieren: Am unteren Ende des Ausweises war ein großer Barcode aufgedruckt, der von den allgegenwärtigen Barcodescannern dann erfasst wurden. Nur wenn der Mitarbeiter durch die jeweilige Tür hindurchgehen durfte, öffnete sich die Tür auch. Das war Sicherheit.

Markus Job war es, dieses System zu überlisten. Die Leute in der Konzernzentrale wussten nichts davon, dass er dies versuchen sollte – nur wenige Topmanager waren eingeweiht.

Am 4.8.2006 gegen Mittag stand Markus auf dem Parkplatz vor der Konzernzentrale. Sein Ziel war die vierte Etage, das Büro des IT-Sciherheits-Revisors, der ihn beauftragt hatte. Dort musste er unbemerkt hinkommen. Dazu hatte er sich seine Tarnkleidung angezogen. Er sah aus wie ein Versicherungsvertreter: Blauer Anzug, weißes Hemd, unauffällige Krawatte und dazu ein kleiner Aktenkoffer. Darin war sein Notebook, dessen Software stark von denen der Versicherungsvertretern abwich.

Erüberprüfte nochmal die den Brief vom Sicherheitsrevisor. Das war seine Genehmigung, hier jetzt einzubrechen. Er nannte den Brief stolz die „Du-kommst-aus-dem-Gefnängnis-frei-Karte“.

Zunächst sah er sich ein wenig auf dem Parkplatz um. Da stand ein Wagen der Klimaanlagen-Wartungsfirma IceHot. Er suchte das Gebäude nach Klimaanlagen ab. Tatsächlich: Oben, auf dem Dach, sah er drei Techniker einen schweren Kühler auf ein Gestell heben. Eine erste Idee hatte er somit, allerdings war er falsch bekleidet. Einen Blaumann hatte er nicht dabei.

Er schaute aber noch in ein paar Autos hinein, ohne auffallen zu wollen. Dabei sah er einen Mitarbeiterausweis auf der Hutablage liegen. Mike Braumann hatte wohl seinen Ausweis nicht dabei. Leider war der Ausweis zum größten Teil verdeckt – gerade der wichtige Barcode war nur zum Teil zu sehen. Trotzdem: Er hatte einen Namen eines Mitarbeiters, er wusste, wie er aussah – und Mike Braumann war nur langsam innerhalb des Gebäudes unterwegs, wenn er sich ständig die Türen von anderen Leuten öffnen lassen musste.

Das sah Markus als seine Chance an. Er betrat die Empfangshalle und sah sich um. An der Wand einige Bilder, viele Warteplätze, eine überlastete Damen am Empfang, die auf schwäbisch einen Anrufer davon überzeugen wollte, es später noch einmal zu versuchen. Markus lächelte die Damen an, drehte sich um und schaute sich zunächst noch ein wenig genauer die Bilder an. Es waren Mitarbeiter des Monats, und zwar seit 1990. Die ersten Bilder zeigten Frauen und Männer in Kostümen oder Anzügen, die überzeugt in die Kamera lächelten. Die Bilder ab 1995 wirkten irgendwie billiger – die Mitarbeiter waren schlechter gekleidet, der Hintergrund war nicht mehr der Hintergrund eines Fotostudios, sondern das jeweilige Büro. Ab 1997 waren die Aufnahmen aus dem Großraumbüro, viele Mitarbeiter hielten sich geschäftig wirkend einen Telefonhörer ans Ohr. Seit 1997 machte die Versicherung das meiste Geschäft mit dem Direktvertrieb, da passte das.

Markus musste aufhören, sich die Bilder anzuschauen – die Namen einiger Mitarbeiter behielt er aber vorsichtshalber im Kopf. Die schwäbelnde Empfangsdame rief laute „Bitte, wie kann ich Ihnen helfen?“ Markus ging zu ihr und überreichte ihr die gefälschte Visitenkarte: „John Berkaly, vom Germanische Lloyd. Ich möchte gerne mit Herrn Mike Braumann wegen der Versicherung des Sportbootes seines Kunden sprechen. Er sagte, er sei heute hier anzutreffen.“

Die schwäbelnde Empfangsdame schaute kurz auf ihren Monitor: „Der Mike hat Sie gar nicht angekündigt, aber das kommt ja schon mal vor. Aber Sie müssen eh bitte warten, Mike hat gerade Mittagspause und ist eben in den Wald eine Runde laufen“.

Löblich – dachte Markus. Das erklärte den Ausweis im Auto. Mike muss sich dort wohl die Laufschuhe angezogen haben und hatte dabei den Ausweis ins Auto gelegt. „Wie lange ist er denn schon unterwegs?“, fragte Markus. „Oh, so 10 Minuten. Es kann also noch ein wenig dauern, Mike trainiert immer rund eine Stunde lang.“

Ausgezeichnet, dann kann ich hier beim Empfang ja noch eine halbe Stunde gefahrlos rumsitzen und mich umsehen: „Ich warte dann auf ihn. Kann ich mich hier irgendwo hinsetzten und ein wenig was lesen?“ – „Klar, selbstverständlich. Nehmen sie ruhig Platz.“

Markus lies den Blick schweifen. Noch mehr Bilder von Mitarbeitern des Monats. Und seit 2000 hatten alle auch ihren Mitarbeiterausweis in der Hemdtasche stecken. Leider fehlte immer der Barcode.

Doch was war das? Der Mitarbeiter des Monats Juli 2002 trug ein T-Shirt und der Ausweis klemmte am Kragen. Der Barcode war vollständig zu sehen. Ausgezeichnet! Doch wie könnte er dieses Bild bekommen?

Abfotographieren ging nicht. Das Bild hing in einer dunklen Ecke, ohne Blitz hätte er keine Chance. Also musste er warten, bis er unbeobachtet war.

Seine Chance kam schneller, als er dachte: Nach 10 Minuten Wartezeit musste das schwäbelnde Auskunfswunder wohl mal auf die Toilette. Sie sagte: „Ich bin gleich wieder da, muss nur mal eben austreten.“ Markus sah, wie sie die durch die gesicherte Tür ging und im Treppenhaus verschwand. Er würde ein-zwei Minuten Zeit haben. Schnell nahm er das Bild von der Wand – und er hatte die nächste Idee. Vorhin hatte er gesehen, wie der Kopierer in der Ecke genutzt wurde. Der Code war die 0000 gewesen – sehr originell. Schnell tippte er die Nummer ein, legte das Bild auf den Kopierer, stellte diesen auf Vergrößerung und – im Papierauswurf lag sein Mitarbeiterausweis in annähernder Originalgröße. Schnell hängte er das Bild zurück, stopfte das Papier in seinen Aktenkoffer und hielt sich sein Handy ans Ohr.

Als die Empfangsdame zurückkam wirkte Markus wild telefonierend. Anscheinend hatte er ein Problem, sodass er ganz schnell weg musste. Jedenfalls meinte das die Empfangsdame, und sie sollte das auch meinen. Markus entschuldigte sich bei Ihr und kündigte an, gleich per Telefon mit Herrn Braumann einen neuen Termin zu vereinbaren, sie bräuchte sich um nichts zu kümmern. Dann verließ er den Empfangsbereich und ging zu seinem Auto.

Dort schnitt er den Ausweis zurecht. Das war der Hauptgewinn – der Hausmeister war Mr. Juli 2002 gewesen. Er wusste, dass dies heute noch der gleiche war wie damals. Der Ausweis sollte also noch funktionieren. Markus fuhr zur Tiefgarageneinfahrt und hielt den Ausweis an den Scanner. Die LED schaltete auf Grün um und das schwere Tor öffnete sich. Er war drin.

Die Tiefgarage war wie jede andere auch. Eng, unübersichtlich und schlecht beleuchtet. Markus parkte seinen Wagen zwischen zwei ähnlich aussehenden. Er stieg aus, nahm den Aktenkoffer und ging bis an das Ende des Gebäudes, dass am weitesten weg vom Empfang war. Hier gab es auch einen Lift. Perfekt.

Der Barcode versah seinen Dienst ein zweites Mal, der Aufzug kam. Doch leider fuhr er nur bis in den dritten Stock. Auch noch mitten in das Callcenter. Selbstbewusst ging Markus durch die Gänge. Erst kurz vor der Tür wurde er angesprochen, ob man ihm helfen könne. Das konnte man: „Ich suche Frau Berkalion.“ Das war die Miss Juni 1998 gewesen, die mit dem Telefonhörer. Die Antwort kam sofort. „Die ist schon ein halbes Jahr nicht mehr im Callcenter, die ist jetzt im Second Level, für die härteren Fälle. Sie sind wohl nicht häufig hier?“ Markus musste improvisieren: „Nein, eher nicht. Ich komme von der Niederlassung Hamburg.“ – „Ach so, dann fahren sie mit dem Lift runter in den zweiten, Zimmer 248“.

Markus verließ das Callcenter durch die Glastür und ging zum Lift. Vorsichthalber fuhr er erst in den zweiten, falls die Leute aus dem Callcenter den Lift beobachten. Er verlies den Lift und ging zu einem anderen Treppenhaus. Dort öffnete ihm in einem unbemerkten Moment erneut der Barcode die Tür, und er konnte in den vierten Stock gehen. Dort fand er bald das Büro des Sicherheitsrevisors – und der wunderte sich nicht schlecht über seinen Besucher.

Geändert wurde in dem Unternehmen daraufhin viel. Die Barcodes wurden zwar nicht abgeschafft, doch sind sie heute auf der Rückseite der Ausweise. Und zum Foto des Mitarbeiter des Monats müssen sie abgenommen werden. Die Kopierer bekamen neue Codes – und diese werde jetzt regelmäßig gewechselt. Seitdem sind übrigens die Kopierkosten stark gesunken.

One Response

  1. Starke Geschicht, klasse geschrieben!
    Ich denke, das Buch aus deiner Empfehlung werde ich mir gleich mal besorgen.
    Schönes WE!

    12. Juli 2008 at 11:46

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