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Sustainable Computing

Nachhaltiges Computing (Sustainable Computing) wird allzu gerne mit Green Computing gleichgesetzt. Dabei ist Nachhaltigkeit eigentlich sehr viel mehr als nur ökologisches Wirtschaften. Der Begriff der Nachhaltigkeit oder des nachhaltigen Wirtschaftens versteht man jede Form des Wirtschaftens, bei der man von den Erträgen eines Kapitals lebt, nicht jedoch vom Kapital selbst zehren muss.

Die Idee und der Begriff stammt aus der Forstwirtschaft, wo man Wälder so bewirtschaften möchte, dass man zwar Holz (und damit Ertrag) entnimmt, der Wald aber weiterexistiert und sich soweit regeneriert, dass er weiterhin Erträge liefert.

In der BWL wurde diese Idee weiterentwickelt, und man hat drei Dimensionen des Wirtschaftens erkannt, welche alle dazu beitragen, dass das System Unternehmen nachhaltig Erträge liefert. Diese Dimensionen sind:

  1. Ökonomische Dimension: Der Rubel muss rollen. Es geht nicht anders – Erträge von Unternehmen sollten sich idealerweise nicht nur in Ideen niederschlagen, sondern auch in monetären Erträgen. Das Unternehmen sollte nicht insolvent sein, sondern kontinuierlich soviel Geld abwerfen, dass es langfristig überlebt und seine Mitarbeiter auch bezahlen kann.
  2. Ökologische Dimension: Das Unternehmen muss mit seiner Umwelt so umgehen, dass es die Ressourcen dieser langfistig, dauerhaft, idealerweise ewig nutzen kann.
  3. Soziale Dimension: Das Unternehmen agiert in etwas, was man eine Gesellschaft nennt. Diese Gesellschaft beinhaltet nicht nur Mitarbeiter und Kunden des Unternehmens, sondern diverse Rollen, die in irgendeiner Form mit dem Unternehmen zu tun haben (Stakeholder). Für diese hat das Unternehmen auch eine Verantwortung, und das Handeln des Unternehmens muss so ausgerichtet sein, dass es (idealerweise alle) seine Stakeholder dauerhaft mit dem Unternehmen auskommen können, ohne unter ihm zu leiden.

All das wird häufig unter dem Begriff „triple bottom line“ subsummiert, der Begriff geht auf J. Elkington (1984) zurück.

Doch wie kann man diese drei Dimensionen auf die IT übertragen? Mary K. Pratt (2006) von Computerworld macht es sich einfach und läßt ökonomische und soziale Komponenten weg. Komplexer ist die Definition von Dennis Mocigemba, der einen Überblick über die diversen Ansätze von Sustainable Computing gibt:

Maximizing economic profit, for example, by manufacturing, selling or using computer systems on either a local or global scale may not be achieved by polluting the environment or discriminating other social groups or following generations.

Dabei wird aber schnell klar, dass es hier noch Lücken gibt – große Lücken.

Die ökologische Dimension hat Mary K. Pratt ja schon angesprochen – hier hat man aber auch schon aus anderen Bereichen Erfahrungen: Energiebilanzen, CO2-Bilanzen oder Schadstoffbilanzen mit CO2-Äquivalenten gibt es ja schon für diverse Produkte (sogar Bratwürste!). Diesen Teil kann man also relativ einfach übertragen. Dabei wird dann relativ schnell klar, dass Leistungsaufnahme an Strom bei Servern ein dicker Batzen ist, wohingegen Abfallprodukte erst bei der Außer-Dienst-Stellung in größerem Umfang anfallen. Diesen Teil hat man also im Griff.

Anders sieht es leider in der sozialen Dimension aus. Hier ist noch relativ wenig passiert – die wenigsten Anbieter von RZ-Diensten kennen ja überhaupt die für sie relevante Stakeholder:

  • Relativ bekannt sind die Kunden. Diese zahlen Geld und nehmen Dienste in Anspruch. Idealerweise hat ein Kunde relativ einfache Wünsche, die mit Standardisierten Pakteten abzudecken sind, ohne großen Personaleinsatz im RZ. Allerdings gibt es kaum Messungen, was den Kunden langfristig zufrieden macht – es wird nur die aktuelle Zufriedenheit gemessen, und selbst das eher fragwürdig: Messungen zu Kundenzufriedenheit fragen meist „bist Du zufrieden“ und dann noch ein paar Details, welche den Fragenden als relevant erscheinen. Eine Studie, welche Faktoren sich positiv auf die langfristige Kundenverbundenheit und Kundenzufriedenheit auswirken, habe ich noch keine für RZ-Dienste gefunden. (Ja Kundenverbundenheit, nicht Kundenbindung. Die Unterscheidung stammt von Eggert, 1999. Kunden kann man binden, beispielsweise durch Tintenpatronen, die man nicht nachfüllen kann. Der Kunde ist also an den Hersteller gebunden und kommt nicht weg. Kunden können sich auch einer Firma verbunden fühlen, weil sie dort immer gut behandelt worden sind und das erhielten, was sie benötigten.)
  • Ebenso bekannt sind die Mitarbeiter des RZ, sei es Administratoren, Systemarchitekten oder die Führungsriege. Die haben wiederum andere Bedürfnisse, beispielsweise gute Administrationswerkzeuge, gute Dokumentation, zuverlässige Hardware, bequeme Wartungsarbeiten ohne in’s Rack kriechen zu müssen, Wartungsfenster zu menschenwürdigen Arbeitszeiten und so weiter. Leider gibt es zur Bewertung dieser Faktoren auch keinen wirklich sinnvollen Ansatz. Es gibt zwar Messgrößen, mit denen man Probleme feststellen kann (hohe Personalfluktuation, riesige Downtime), aber diese messen die Auswirkungen vieler unterschiedlicher Ursachen simultan, nicht die Ursachen einzeln. Auch hier ist also noch Arbeit angesagt!
  • Manchmal noch bekannt sind die Kunden der Kunden als weiterer Stakeholder. Doch wie soll man deren Wohlempfinden messen? Woher weiss ein Kunde meines Kunden, dass ich für ihn Leistungen erbringe, und wie soll er diese Bewerten?

Daneben gibt es noch mehr Stakeholder, beispielsweise die Eigner des RZ, die Anwohner (die dank großartiger Kühltechnik nachts nicht schlafen können und seit Jahren keinen Schnee mehr hatten), die Lieferanten, die Konkurrenten und so weiter.

Nachhaltiges Computing würde bedeuten, dass man für alle diese Bereiche sich auch Ziele auf die Flaggen schreibt, und nicht nur auf die Kosten und die Ökobilanz schielt. Wäre schön, wenn sich da was tun würde.

Update 28.10.2007:

Anscheinend hat der Begriff Nachhaltigkeit im IT-Umfeld schlicht und einfach noch nicht die Bedeutung, und Vielschichtigkeit dessen erlangt, was er in der Betriebswirtschaft hat. So gab es in Berlin Mitte Oktober 2007 eine Konferenz zu dem Thema in der Kalkscheune (da war ich doch schon mal, ZDF?), wobei es eher dünn ist, was da als Definition von Nachhaltigkeit genannt wurde. So verweist im Schlusspannel zum Thema Nachhaltigkeit und Web 2.0 Markus Beckedahl auf Wikipedia, und referiert anschließend über Aspekte des Urheberrechts (sehr ausführlich und sehr detailiert) bei typischen Web 2.0-Anwendungen, und über Benutzerfreundlichkeit. Urheberrecht und Nachhaltigkeit haben was miteinander zu tun – es ist aber nur ein Teilaspekt ebenso wie die Benutzerfreundlichkeit. Beides Betreffen das Verhältnis zu Benutzern, also einem der vielen Stakeholdern. Rolf Kersten von Sun Microsystems reduziert das Thema Nachhaltigkeit wiederum auf Energieeffizienz, stellt also die bekannteste Säule der Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt. Er geht noch ganz kurz auf den Nebenaspekt der dauerhaften Datenspeicherung ein, aber leider nicht ausführlich. Der letzte Podiumsteilnehmer, Jürgen Neumann, referiert langwierig über Aspekte der sozialen Gerechtigkeit und Web 2.0, wobei er sich – berufsbedingt – lange mit dezentralisierten Netzstrukturen im Eigentum der Benutzer aufhält. Er steht damit im Widerspruch zu Rolf Kersten, der aus ökologischen Gründen zentralisieren möchte.

Es wird klar, dass alle Teilnehmer unterschiedliche Definitionen von Nachhaltigkeit haben, und daraus natürlich unterschiedliche Folgerungen ableiten. Während Rolf Kersten mit möglichst wenig Energieeinsatz die Dienste anbieten möchte, ignoriert Jürgen Neumann das Energieproblem und möchte, um die Information dauerhaft zugänglich zu halten, diese denzentral halten. Der erstgenannte sieht nur die Ressource Umwelt, und möchte diese nach Möglichkeit nicht belasten, der zweitgenannte sieht Nachhaltigkeit als dauerhaftes Speichern und Verfügbarhalten.

Ich bleibe bei meiner Einschätzung: Es gibt bislang keine wirklich brauchbare, umfassende Defintion von Nachhaltigkeit für IT. Hier sollte was passieren – wir sollten also ein wenig Energie darauf verwenden, hier eine Systematik einzubringen, was nun eigentlich Nachhaltigkeit im IT-Bereich ist. Und sehr schön wäre es, wenn diese dann besser messbar wäre, als die Nachhaltigkeit, über die Unternehmen berichten. Es geht nicht, dass langweilige Berichte nach Anforderung der GRI (Global Reporting Initiative) als Abrechnung über die Nachhaltigkeit ausreichen, es muss klarer verständlich sein.

Elkington, J. (1994) „Towards the sustainable corporation: Win-win-win business strategies for sustainable development.“ California Management Review 36, no. 2: 90-100

Dennis Mocigemba (2006) „Sustainable Computing.“ Poiesis & Praxis: International Journal of Technology Assessment and Ethics of Science, Volume 4, number 3, September 2006, pp. 163-184

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